01.11.2017

Ist das unsere Vorstellung von Freiheit?

Auf der ganzen Welt gibt es sie: die Lebensrechtsmärsche. Auch in der Schweiz wird seit 2010 der „Marsch fürs Läbe“ vom gleichnamigen Verein organisiert, mithilfe einer Trägerschaft aus verschiedenen christlichen Organisationen. Doch was macht der Verein genau und wofür steht er? Mediensprecherin Beatrice Gall nimmt in einem Interview mit drei Maturandinnen Stellung zu den Zielen des Vereins und zu den Gründen, warum sich so viele Menschen immer wieder für das ungeborene Leben einsetzen.

Was macht Ihre Organisation? Für was stehen Sie?

Der Verein „Marsch fürs Läbe“ steht für die unbedingte Würde und den Schutz des menschlichen Lebens von der Zeugung bis zum natürlichen Tod. Zu diesem Zweck führen wir jährlich die Veranstaltung „Marsch fürs Läbe“ durch. Dieser umfasst meist eine Kundgebung, einen Marsch und einen überkonfessionellen Gottesdienst.

 

Wieso sind Sie gegen Abtreibung?

Weil wir FÜR das Leben sind. Wir haben uns dem Leben, der Freiheit und der Zukunft verpflichtet. Das bedeutet, dass wir eine Kultur des Lebens fördern wollen, nicht eine Kultur des Todes. Zur Abtreibung gibt es immer auch Alternativen, welche dem Kind das Leben ermöglichen, z.B. Adoption oder die Babyfenster. Nur eine Gesellschaft, die ihre schwächsten Mitglieder schützt, hat eine lebenswerte Zukunft.

 

Wie stehen Sie zu Abtreibungen bei einer Empfängnis auf Grund eines Gewaltverbrechens?

Traumatisierte Frauen, die solch eine Situation erleiden, brauchen unbedingt eine zukunftsgerichtete Hilfe und langfristige Begleitung. Abtreibung ist ebenfalls eine Traumatisierung (s. Post Abortion Syndrom) und für die Frau würde eine Abtreibung damit ja eine erneute Traumatisierung bedeuten. Erlebte Gewalt mit Gewalt dem ungeborenen Kind gegenüber therapieren zu wollen, widerspricht der Logik und allen Regeln der Traumatherapie. Heilung gelingt viel eher durch Integration und durch Solidarisierung mit dem Ungeborenen, das ja ebenfalls Opfer ist.

 

Wie stehen Sie zu Abtreibungen bei Lebensgefahr der Mutter?

Hier geht es um eine Güterabwägung, denn beide Leben besitzen die gleiche Würde. Wir reden hier ja von ZWEI Menschen. Dank der modernen Medizin kommen diese Fälle jedoch äusserst selten vor und sollten bei der Gesetzgebung keinen Einfluss nehmen. Deutlich häufiger sind Fälle, bei denen Eltern mit der Begründung, das Kind sei wahrscheinlich behindert, zur Abtreibung geraten wird, und danach ein gesundes Kind zur Welt kommt.

 

Wie unterstützt ihr Verein Frauen, welche ungeplant Mütter werden?

Unserem Verein sind verschiedene Organisationen angeschlossen, die ungeplant schwangeren Frauen, aber auch Paaren und (Gross-)Familien mit Beratung und konkreten Hilfeleistungen zur Seite stehen. Werdende Eltern können sich durch die Verlinkungen auf unserer Homepage direkt an diese Organisationen wenden.

 

In Irland läuft derzeit eine grosse Diskussion um das Thema Abtreibung. Was denken Sie ist die Hauptursache, dass die Abtreibung in Irland (noch) nicht legal ist?

Offensichtlich ist vielen Iren die bedingungslose Würde des Menschen, der Wert des Lebens und der Familie noch präsenter als beispielsweise uns Schweizern. Auch der stärkere Einfluss der katholischen Kirche, die bezüglich Lebensschutz klare Positionen vertritt, spielt sicher eine Rolle.

 

Sollte das Gesetz in der Schweiz geändert werden? Falls ja, wie?

Als erstes sollte die Fristenlösung abgeschafft werden, denn sie suggeriert, dass Leben in den ersten zwölf Wochen weniger wert ist als danach. Diese willkürliche Zäsur (Fristenlüge) widerspricht wissenschaftlichen Erkenntnissen diametral und öffnet einer unmenschlichen Willkür (Euthanasie) Tür und Tor. Wichtig ist aber auch, dass in unserem Land wieder eine „Kultur des Lebens“ einsetzt. Menschliches Leben soll von der Zeugung bis zum natürlichen Tod geliebt, geschützt und gefördert werden. Dazu gehört auch, Menschen in Not oder Bedrängnis zu begleiten und ihnen zu helfen. Aber mit einer Begleitung, die letztlich zum Leben hinführt. Wie dringend das nötig ist, sieht man an der hohen Zahl der Frauen, die zu Abtreibungen gedrängt werden (z.B. vom Kindsvater oder von Ärzten) oder die unter dem sogenannten Post Abortion Syndrom jahrelang zu leiden haben nach einer Abtreibung.

 

In Irland hat die Kirche noch immer einen grossen Einfluss in der Politik. Sehen Sie dies als problematisch?

Ich sehe eine gesunde Form von Einfluss der christlichen Kirchen auf das Leben der Menschen als Vorteil an. Die Werte, die Europa geprägt, fortschrittlich und stark gemacht haben, stammen aus dem christlichen Glauben. Sich vom Glauben zu distanzieren ist deshalb nicht fortschrittlich, sondern rückschrittlich. Die postmoderne Beliebigkeit verunmöglicht einen konstruktiven Wertediskurs. Mit fatalen Auswirkungen für den Lebensschutz und andere für alle Menschen zutiefst elementaren Themen.

 

Denken Sie, dass die Personen Angst haben, über dieses Thema zu sprechen?

Ja. Es wird immer mehr zum Tabuthema, weil es ein aggressives Meinungsdiktat linksextremer Kreise gibt, die den Schwangerschaftsabbruch zum Frauenrecht erklären und ihn zu einem Gewinn hochstilisieren, statt ihn als das zu bezeichnen, was er ist: ein unmenschlicher medizinischer Eingriff, bei dem ungeborene Kinder getötet, ihre Mütter traumatisiert und ihre Familien langfristig geschädigt werden. Und manche Menschen schweigen aus persönlicher Betroffenheit oder aus dem Wunsch heraus, „tolerant“ zu sein. Freiheit wird hier oftmals mit „Wertelosigkeit“ verwechselt.

 

Sollte das Thema Abtreibung politisch mehr aufgenommen werden?

Unbedingt. Wir brauchen Politiker, die überzeugend darlegen, dass Freiheit nicht auf Kosten der Freiheit ungeborener Mitmenschen realisiert werden kann und darf. Ein Staat, der Zukunft haben will, schützt die unbedingte und unverlierbare Würde seiner Bürger. Nur wenn es den schwächsten Gliedern des Staates gut geht, geht es – auch langfristig gesehen – allen gut. So steht ja auch in der Schweizer Präambel, dass „die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.“

 

Wie stehen Sie dazu, dass in der Schweiz die Fristenlösung gilt und kein Gutachten nötig ist für einen Schwangerschaftsabbruch?

Die Einführung der Fristenregelung war aus unserer Sicht ein tragischer Fehlentscheid des Schweizer Stimmvolkes. Frauen geraten durch diese willkürlich gesetzte Frist unter Druck. Zeitlich, aber auch von den Argumenten her: Was erlaubt ist, wird von vielen für „richtig“ gehalten. Will eine Frau nicht abtreiben, heisst es: „Wieso stellst du dich so an? Das ist legal, also mach es gefälligst!“ Ohne „Bremse“, ohne ausreichende Bedenkzeit, entscheiden sich viele Frauen, denen es in den ersten Wochen aufgrund der hormonellen Umstellungen oft nicht gut geht, für die scheinbar „einfachste“ und vor allem schnellste vermeintliche „Lösung“ für ihre Situation – was sich für viele als tragischen, lebenslang bereuten Irrtum entpuppt. Dass wir das zulassen, ist eine Tragödie! Darüber hinaus ist es grotesk, dass wir auf der einen Seite alles Menschenmögliche auf medizinischer Ebene versuchen, um Frühgeburten zu retten und andererseits Spätabtreibungen stattfinden dürfen – menschliches Leben, das sich z.T. im gleichen Stadium befindet!

 

Was denken Sie darüber, dass Männer bei dieser Entscheidung nicht mitreden können?

Dass Männer Alimente bezahlen, aber nicht mitreden dürfen, ob ihr Kind geboren wird, widerspricht der Logik und den Interessen des Kindes völlig. Männer tun gut daran, gegen diese Ungerechtigkeit auf die Barrikaden zu gehen. Andererseits ist es aber letzten Endes oft gerade bei Abtreibungen so, dass Väter hier Druck auf die Mütter ausüben, sodass diese letztlich abtreiben.

 

In Schweden forderte der Verband der Jungliberalen, dass zukünftige Väter sich ihrer Pflicht entziehen können, somit keinen Unterhalt zahlen müssen. Wie finden Sie dies?

Ein Schritt in die falsche Richtung. Hier geht es um Verantwortung, die auch wahrgenommen werden muss.

 

Ein letzter Gedanke …?

Zahlreiche Frauen leiden nach einer Abtreibung unter dem so genannten Post Abortion Sydndrom betroffen, einer Form der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD). Bei vom PTSD betroffenen Menschen ist die Gefahr, sich das Leben zu nehmen, also Selbstmord zu begehen, fünfzehn bis zwanzigmal höher als bei der Allgemeinbevölkerung. Entsprechend steigt auch die Depressionswahrscheinlichkeit (Erhöhung um fünfzig Prozent!). Durch den Versuch, der Traumatisierung zu entfliehen, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, an einer Abhängigkeit von Alkohol, Drogen oder Medikamenten zu erkranken (bis zu 80 Prozent). Ist das alles unsere Vorstellung von Freiheit? Es wird allerhöchste Zeit, werdenden Müttern anders beizustehen als mit einer Abtreibung!