23.08.2017

Lupenreine Gesellschaft

„Wenn eine Frau alle verfügbaren Tests durchlaufen hat und die Resultate klar ein Down-Syndrom anzeigen, werden die Schwangerschaften in fast 100 Prozent der Fälle unterbrochen.“ So wird Hulda Hjartardóttir, Chefin der Geburtshilfe am Iceland’s National University Hospital, am 16. August 2017 von icelandmonitor.mbl.is zitiert. Dies nachdem Meldungen über die isländische Abtreibungsrate nach pränatalen Untersuchungen international für Aufsehen gesorgt hatten.

Schweizer Statistiken geben kein klares Bild. Im Tagesanzeiger war jedoch am 13. Juli 2017 zu lesen: „Allgemein wird davon ausgegangen, dass 75 bis 95 Prozent der Schwangeren abtreiben, bei deren Föten ein Down-Syndrom festgestellt wird.“ Und die Stiftung Ja zum Leben hält in ihrer aktuellen Publikation „Blickpunkt“ fest: „Seit die Genetik zu einer Diagnose von Krankheiten vor der Geburt in der Lage ist, stehen werdende Eltern vor riesigen Konflikten, die sie früher nicht hatten. Damals waren Frauen einfach guter Hoffnung, dass das Kind gesund zur Welt kommen werde. Der neue Bluttest hat in den letzten Jahren zu einem extremen Anstieg der Schwangerschaftsabbrüche geführt. Die Zahlen zeichnen ein düsteres Bild: Einmal entdeckt, werden nun 90 Prozent aller Föten mit Trisomie 21 abgetrieben! Die Welt wird nicht besser dadurch, dass nur scheinbar „perfekte“ Menschen sie bewohnen, sondern wenn menschliche Solidarität, gegenseitige Anteilnahme und Respekt wachsen.“

Und es stimmt: Die wachsende Verfügbarkeit von legalen und durch Krankenkassen finanzierten Tests legt immer mehr Gewicht auf die Frage, ob Eltern überhaupt bereit sind, ein Kind mit Behinderung zu bekommen. Die Gewissensfrage nach dem Recht auf Leben wird beruhigt, indem mit der Multiplikation von Tests eine vermeintliche Sicherheit geschaffen wird, dass nicht aus Versehen ein „gesundes“ Kind abgetrieben würde. Frei nach dem Motto: „Diskriminierung Ungeborener ja, aber bitte treffsicher.“

Während in der Schweiz wie anderswo massiv in behindertengerechtes Bauen und in den Kampf gegen Diskriminierung von Menschen mit einer Behinderung investiert wird, errichten Medien in der Beurteilung von Beratungsstellen für schwangere Frauen oft das Merkmal „ergebnisoffene Beratung“ als zentrales Qualitäts- und Legitimierungskriterium. Diskriminierung wird somit einerseits geächtet und geahndet. Im Fall der ungeborenen Kinder wird sie jedoch medizinisch verfeinert, ausdrücklich aus der öffentlichen Diskussion verbannt und für die Beratung als „wertneutrale“ Option gefordert. – „Wertneutral“ sollte aus der Perspektive des Lebensrechts aber dringend heissen, dass die Gesundheit Ungeborener nicht für deren Wert entscheidend ist.