02.03.2017

Skandal um Gewissensfreiheit

Seit Thomas Börner im Dezember 2016 als Chefarzt die Gynäkologie in der Klinik Dannenberg in Niedersachsen übernommen hatte, wurden dort ausser bei Vitalindikation keine Abtreibungen mehr „angeboten“. Dies berichtete die lokale Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 4. Februar 2017. Dass unter dem neuen Chefarzt keine Abtreibungen mehr durchgeführt würden, war von Anfang an Teil der Vereinbarung Börners mit der Klinik gewesen, die der schwedischen Privatklinikgruppe Capio angehört. Der neue Chefarzt hatte sich auf sein christliches Gewissen berufen.

Kaum hatte die Lokalzeitung über die neue Regelung an der Klinik Dannenberg berichtet, kam es zu einer nationalen Empörungswelle gegen Börner und die Klinikleitung: Lokalpolitiker protestierten, Abtreibungslobbygruppen wie Pro Familia schalteten sich ein und die überregionale Presse von der taz über Spiegel und Stern bis hin zur Süddeutschen Zeitung machte die Entscheidung Börners, die von der Klinikleitung mitgetragen wurde, zum Skandal. Niedersachsens Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) drohte gar mit dem Entzug von Finanzmitteln. Als Reaktion auf diese Kritik erklärte Martin Reitz, Geschäftsführer der deutschen Zentrale des Capio-Konzerns, dass an der Dannenberger Klinik weiterhin Abtreibungen nach der Indikationslösung durchgeführt werden. Für das Unternehmen stünden der individuelle Wunsch und das gesundheitliche Wohl der Patientinnen an erster Stelle. Die Einrichtungen der Capio-Gruppe seien zudem weltanschaulich neutral.

Laut Bericht von Idea Online wurde inzwischen Markus Fröhling, Leiter der Klinik Dannenberg, entlassen. Fröhling wurde es zum Verhängnis, dass er die Gewissensfreiheit Börners respektierte, der aus ethischen Gründen noch nie eine Abtreibung vorgenommen hatte. Die Entlassung des Klinikleiters ist der eigentliche Skandal in dieser Geschichte. Doch eine Empörung blieb hier aus. Auch Börner wird laut Idea die Klinik per 31. März 2017 verlassen: Den von Politikern erhobenen Vorwurf, ins Selbstbestimmungsrecht der Frauen einzugreifen, weist der Gynäkologe zurecht zurück: „Es wäre doch weiterhin möglich gewesen, den Eingriff vornehmen zu lassen. 25 Kilometer weiter gibt es die nächste Klinik.“ Auch die Kritik, seine Entscheidung gegen Abtreibung nicht auf seine Mitarbeiter ausdehnen zu dürfen, könne er nicht nachvollziehen: „Als Chefarzt trägt man die Verantwortung und gibt nun einmal die Richtlinien vor. Es wäre doch sehr inkonsequent zu sagen: Ich persönlich mache es nicht, dafür aber mein Oberarzt.“ Wie der Fall Börner zeigt, wird die Luft für Lebensschützer in medizinischen Berufen immer dünner. Doch das ist die logische Konsequenz, wenn die Tötung ungeborener Kinder, die laut Gesetz unter bedingten Umständen straffrei ist, im gesellschaftlichen Bewusstsein absurderweise immer mehr zu einem „Recht“ oder gar „Menschenrecht“ wird.