14.11.2017

Wie viel darf ein Leben kosten?

Unter dem Titel „Besser ohne Down“ plädierte der niederländische Bioethiker Marcel Zuijderland im September 2017 im „NRC Handelsblad“ für noch mehr Abtreibungen von Kindern mit Down-Syndrom. Darüber berichtete der Newsletter des österreichischen Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik IMABE im Newsletter vom Oktober 2017.

In seiner Argumentation bringt Zuijderland ein völlig verdrehtes Bild von Solidarität: So sei es doch nachvollziehbar, dass Eltern es als moralische Pflicht ansehen würden, dem Gesundheitssystem keine zusätzlichen finanziellen Bürden durch Kinder mit schwerer Behinderung auferlegen zu wollen. Das drücke Solidarität mit jenen aus, die ebenfalls auf Betreuungseinrichtungen angewiesen seien, aber keine Wahl hätten, weil sie z.B. durch einen Unfall pflegebedürftig geworden seien. Eine Wahl hätten Eltern vor der Geburt hingegen schon: Durch Pränatal-Untersuchungen könne das Down-Syndrom frühzeitig erkannt und damit die Geburt von Kindern mit Behinderung vermieden werden. So träumt Zuijderland von einem Down-Syndrom-freien Niederlanden nach isländischem Vorbild. Dort erblickt mittlerweile fast kein Kind mehr mit Down-Syndrom das Licht der Welt.

Um die unwillkommenen Gesundheitskosten von Kindern mit Behinderungen zu reduzieren, ist seit März 2017 in den Niederlanden der nicht invasive Bluttest zur Untersuchung der DNA nicht nur für Risikoschwangere erlaubt, sondern wird allen Schwangeren zu einem Spottpreis (175 statt ca. 600 Euro) angeboten – das ganze wird staatlich subventioniert. Und ist der Test erst einmal durchgeführt und das Ergebnis zeigt ein Down-Syndrom oder eine andere Chromosomen-Abweichung, ist das Urteil zum Tod des Kindes meist schon gefällt: Die Mehrheit der Schwangeren entscheidet sich dann für eine Abtreibung.

Das niederländische Gesundheitssystem hat – auf Empfehlung des Gesundheitsministeriums! – das Down-Syndrom unter die zehn teuersten Krankheiten aufgenommen. Renate Lindeman, Vorsitzende des Vereins „Downpride“ spricht deutliche Worte: Die Politik hat über die Jahre geschickt die Öffentlichkeit auf die Salonfähigkeit derartiger Argumente vorbereitet, so Lindemann. „Wenn der Staat Kinder mit Down-Syndrom zum Hauptkostenfaktor des Gesundheitssystems hochstilisiert, dann agiert er als Anstifter, nicht als Beschützer“. Wie wahr.